Neu Sehan von Mary Alice Roche

(Übersetzung von Stefan Laeng-Gilliatt)

I. Neu Sehen

Mit Charlotte Selver arbeiten: Eine persönliche Geschichte

Als Charlotte Selver im Oktober 1938 nach Amerika kam war sie allein und unbekannt. Sie erzählt: “Ich kam mit nichts, nichts ausser dieser Arbeit.” Die ‘Arbeit’ von der sie spricht, wurde von ihren Lehrern in Deutschland entwickelt: von Elsa Gindler, die ursprünglich harmonische Gymnastik unterrichtet hatte und von Heinrich Jacoby, dem innovativen Musiker und Pädagogen. Diese gaben der ‘Arbeit’ nie einen formellen Namen. Nach vielen Versuchen, die richtigen Worte zu finden, entschied sich Charlotte Selver für ‘Sensory Awareness’. Diese Bezeichnung wurde dann bald allgemein gebräuchlich, doch Sensory Awareness als spezifische ‘Disziplin’, wie sie Charlotte Selver anbietet, wurde Teil der Geschichte des ‘Human Potential Movement’ und der daraus sich entwickelnden Arbeitsansätze in den USA.

Bevor ich mehr aus dem Leben Charlotte Selvers erzähle, möchte ich von meiner eigenen Begegnung mit Charlotte berichten und von den 35 Jahren unserer Bekanntschaft. Ich hoffe Ihnen dadurch einen mehr persönlichen Eindruck von dieser Frau und ihrer Arbeit vermitteln zu können. Jeder der tausenden von Menschen, die mit ihr studiert haben, hätte wohl seine ganz eigene Geschichte zu erzählen, doch kann ich nur von meiner eigenen Erfahrung sprechen.

Ich war 48 Jahre alt, als ich Charlotte zum ersten mal begegnete. Ich litt unter Arthritis und schrecklicher Migräne. Wenn ich frühmorgens die Treppen unseres Hauses hinuntersteigen wollte, konnte ich das nur Stufe um Stufe tun, weil die Blutzirkulation in meinen Fussgelenken so schlecht war, dass diese ganz steif waren. Ich lebte ganz im Kopf und es kam mir nie in den Sinn, dass diese körperlichen Symptome mit meiner “Beeile dich! Mach schon – und mach’s richtig!”-Haltung zu tun hatten. Mein ganzes Wesen war von dieser Haltung durchdrungen.

Doch dann, als ich mit Charlotte Stunden zu nehmen begann und mich ganz einfach dem Ruhen, Bewegen, Sehen, Hören, Atmen und andern Aspekten des Menschseins widmete, begannen sich diese Verspannungen zu lösen, und der ganze Organismus kam in ein besseres Gleichgewicht und funktionierte gesünder. Eines Tages wurde mir plötzlich bewusst, dass ich schon lange keine Migräne mehr gehabt hatte und auch mit Leichtigkeit die Treppen hinunterrannte. Das war wunderbar, doch es wurde noch besser als ich meine Mitmenschen und meine Umwelt neu und anders wahrzunehmen begann, als ich im Sehen, Hören und in meinen Reaktionen auf sie offener und spontaner wurde.

Die Fähigkeit, Dinge zu sehen, nicht mit den Augen nach ihnen zu ‘greifen’, sondern sie hineinzulassen und bis in meine Tiefen zu fühlen – zu wissen, dass wir miteinander verbunden sind – das war wahrscheinlich die bedeutungsvollste Entdeckung. Dies lernte ich nicht nur durch Charlottes koan-artige Versuche im Unterricht, sondern auch ganz einfach durch ihre Gegenwart. Das gehörte ja zusammen: Charlotte und ihre Arbeit.

Meine erste Begegnung mit ihr war reiner Zufall – wenn denn solche Dinge je zufällig geschehen. Im Jahre 1957 las ich Alan Watts’ Buch The Way of Zen1. Ich hatte zuvor nie von Watts oder Zen gehört und fand das Buch ziemlich wunderlich. Er schrieb, die Befreiung vom Leiden komme durch: “Nicht-denken, nicht-reflektieren, nicht-analysieren, nicht-kultivieren, Absichtslosigkeit, geschehen lassen.” “Nicht-denken?! Geschehen lassen?!” Dies widersprach allem was, ich zu glauben gelernt hatte und doch berührte es etwas in mir.

Watts schrieb: “Zen ist vor allen Dingen eine Erfahrung und als solche nonverbal und einer rein literarischen und akademischen Vorgehensweise unzugänglich. Um zu verstehen was Zen ist – und vor allem auch, was Zen nicht ist – muss man damit praktisch experimentieren, um die wirkliche Bedeutung, die den Worten unterliegt, zu entdecken.” Ich wusste das damals nicht, doch er hätte ebensogut von Sensory Awareness sprechen können.

Im Jahre 1965 kam Alan Watts nach New York um mit einer Frau namens Charlotte Selver in deren Studio an der 73. Strasse einen Kurs zu geben. Dort angekommen, wurde ich von einer kleinen Frau mit einem freundlichen Lächeln und geraden, dunklen Haaren, das sie hinter die Ohren gestrichen trug, empfangen. Während der ersten Stunde sprach Alan Watts in seiner bestechenden Weise. Danach arbeitete Charlotte mit der Gruppe. Ich kann mich nicht daran erinnern, was sie sagte oder was wir taten. Doch erinnere ich mich, wie unangenehm es mir war auf dem Boden sitzen zu müssen, Dinge zu tun, die keinen Sinn machten und dann von andern Leuten zu hören, welch überraschende Entdeckungen sie während der “Experimente” machten. Ich kam mir ziemlich dumm vor – und wurde neugierig.

Sechs Monate später besuchte ich, etwas widerstrebend, einen Wochenend-Kurs mit Charlotte. Er begann am Freitag abend mit einem Vortrag zu Lichtbildern. Wir sassen auf Klappstühlen und als der Vortrag vorbei war, bat uns Charlotte, uns unseres Sitzens gewahr zu werden. Meine unmittelbare Reaktion war Unsicherheit: Wie sass man richtig, was wollte sie sehen, was war akzeptabel in diesem Kurs? Sie erklärte uns nicht, wie wir sitzen sollten, sondern fragte nur: “Wie fühlt sich ihr Sitzen an?” Ich fühlte nichts von meinem Sitzen – existierte überhaupt kaum als fühlendes Wesen – ich hatte nur Gedanken darüber. Und dann sagte sie: “Wenn sie sitzen, dann sitzen sie. Wenn sie sich anlehnen, dann lehnen sie an.” Das war wie ein grosser Lichteinbruch: “Es kommt nicht darauf an was du tust, doch tu es ganz, mit ganzem Wesen – und sei dir bewusst was du dabei fühlst.”

Das war der erste Riss in der “dicken Lackschicht” der Konditionierung, wie Charlotte dies nannte. Diese Verspannungen waren sowohl Ursache wie auch folge meiner dauernden Furcht etwas falsch zu machen, meiner Sorge darum was die Leute von mir dachten etc. Dies war der Beginn meiner langen Initiation in eine neue Lebensweise – und der Beginn meiner langen Verbindung mit Charlotte.

Was Charlotte in den Stunden tat – wie sie Versuche anleitete, ihr Rhythmus, wie die Versuche und die darauf folgenden Reporte zum nächsten Versuch führten und zur Entwicklung der ganzen Stunde, ja des ganzen Kurses – all das erschien mir wie Magie. Doch wurde es noch erstaunlicher, als ich zu verstehen begann, dass diese Magie ganz auf den natürlichen Möglichkeiten jedes Organismus beruhte: zu sehen und offen und reagierfähig zu sein.

Zuerst dachte ich, Charlotte könne meine Gedanken lesen. Viel später realisierte ich, dass sie nicht meine Gedanken, sondern mich las. Sie sah, wie ich stand, wie ich sass, wie ich mich bewegte. Sie sah meinen Gesichtsausdruck und meinen Blick, doch auch den “Ausdruck” meines Rückens, meiner Zehen, des Atems – kurz, sie sah mich. Natürlich waren meine Gedanken Teil meines Wesens und so erschien es oft, dass sie meine Gedanken las und direkt auf diese reagierte, wenn sie in Wirklichkeit spontan auf das reagierte, was sie in meiner ganzen Person fühlte. Es wurde mir erst möglich zu verstehen wie Charlotte uns sah, nachdem diese Lackschicht von Verspannungen sich etwas gelöst hatte und ich dadurch mehr bereit wurde, Impressionen in Ruhe zu empfangen. Dann begann ich meine Mitmenschen und meine Umgebung neu zu sehen – nicht als Spiegelbilder meines Egos, sondern mit Interesse und als etwas, das nicht getrennt von mir existierte. Ich erkannte, dass Sehen ein innerlicher Vorgang war: Aussen und innen waren eins. Diese neue Art, andere zu sehen, war auch eine neue Art, mich selbst zu sehen – und umgekehrt.

Charlotte sass während der Stunden gewöhnlich im Schneidersitz auf dem Boden, doch einmal sass sie auf einem Stuhl. Ich sah sie wirklich. Dies war das erste Mal, dass ich bewusst jemanden einfach sitzen sah. Ihr Auf-dem-Stuhl-sitzen war so ruhig und unkompliziert – so nichts besonderes – wie das Stehen des Stuhls auf dem Boden. Danach konnte ich sehen, dass es mit ihrem Gehen, Liegen und Stehen dasselbe war – es war alles ‘nichts Besonderes’. Ich kann, was ich in ihrem Stillsein und ihren Bewegungen fühlte, nicht anders beschreiben. Sobald ich mehr beschreibende Worte benutze (leicht, federnd, jugendlich, kraftvoll, ruhig, in Kontakt mit dem Boden – was auch immer), hebe ich etwas Besonderes heraus, einen bestimmten Aspekt einer unteilbaren Ganzheit. Doch ist es die Einfachheit, die ‘Nicht-besonderheit’, die für mich so besonders war. Als ich sie sitzen sah, veränderte sich etwas in mir. Ich fühlte ihre Anwesenheit und wurde selber mehr anwesend.

Im Unterricht arbeiteten wir oft zu Zweien. Manchmal liessen wir uns von einer Partnerin den Kopf anheben. Anfangs war ich immer etwas besorgt darum, ob ich wohl die Bewegung verhinderte, sie führte oder wirklich meinen Kopf bewegen liess. Gleichermassen wenn ich den Kopf meiner Partnerin bewegte: ich urteilte oft darüber, ob sie ihren Kopf festhielt, die Bewegung führte oder erlaubte. Ich dachte, dass wir am Kopf arbeiteten und dass man das richtig oder falsch tun konnte.

Einmal, während eines solchen Versuches, fing ich nicht gleich an sondern sass für einen Moment einfach da und sah meine Partnerin vor mir liegen. Und ich sah, dass der Kopf Teil der ganzen Person war. Und als ich meine Hand unter ihren Kopf gleiten liess und ihn langsam zu bewegen begann fühlte ich, dass er mit dem Rest verbunden war. Ich hatte die überwältigende Erkenntnis, dass ich, indem ich ihren Kopf hielt, meine Partnerin hielt. Und wenn ich ihren Kopf bewegte, bewegte ich sie. Wenn ich jemanden an einer Stelle berührte, wirkte sich das auf die ganze Person aus – und auch auf mich in meiner Ganzheit.

Jahre später, 1987, während der letzten Stunde eines ‘Leaders Workshops’ in St. Ulrich in Deutschland: Nach drei Wochen intensiver Arbeit an ‘uns in Beziehung zur Welt’ stand Charlotte vor uns und bat uns, ihren Bewegungen zu folgen und in uns zu fühlen, wie eine andere Person sich bewegt. Wir sollten versuchen, dies in uns geschehen zu lassen. Die Zeit blieb stehen, als sie ruhig eine Hand bewegte, einen Arm, ihren Kopf, einen Fuss, ein Bein – und uns so zu einer entsprechenden Bewegung einlud. In meiner Beschreibung sage ich, dass sie einen Fuss bewegte, eine Hand, ihren Kopf, doch in Wirklichkeit war es Charlotte die sich bewegte – in ihrer Hand, in ihrem Kopf. Sie stand einfach da oder bewegte sich, und niemand konnte sagen wo die Bewegung begann oder aufhörte – in Charlotte oder in mir. Ich sah was ich sah und fühlte was ich fühlte und reagierte wie ich reagierte. Es war eine Art von Befreiung. Ich schien einen Kreis vollendet zu haben: “Nicht-denken, nicht-reflektieren, nicht-analysieren, nicht-kultivieren, Absichtslosigkeit, geschehen lassen.”

Charlotte fragte mich einmal, was mich dazu motiviert habe für Sensory Awareness alles andere aufzugeben, die Charlotte Selver Foundation (jetzt Sensory Awareness Foundation, SAF) zu gründen und sie so lange zu führen, selber die Arbeit anzubieten, darüber zu schreiben und Material zu redigieren. Ich konnte ihr damals keine Antwort geben. Es erscheint mir jetzt, dass ein guter Teil meines Interesses an der Arbeit nicht nur durch die Versuche kam, die Charlotte uns anbot, sondern auch davon, Charlotte in ihrer Arbeit zu erleben. Ich wollte was ich sah, zuerst nur für mich selbst, doch dann, als mir bewusst zu werden begann wie die Arbeit mich veränderte – meine psycho-somatische Verfassung im Ganzen, meine Haltung gegenüber meiner Selbst und dem Rest der Welt – wuchs in mir das Verlangen, diese Arbeit bekannt und für jedermann zugänglich zu machen.

Die SAF hat seither Kurse angeboten, eine Bibliothek und ein Archiv eingerichtet und dient als Informationsstelle für Sensory Awareness. Ihre Hauptaufgabe jedoch ist es Publikationen über die Arbeit herauszugeben: wie die Arbeit von Elsa Gindler und Heinrich Jacoby entdeckt und entwickelt wurde, was Elfriede Hengstenberg und Emmi Pikler dazu beitrugen, wie die Arbeit von vielen ergebenen Schülerinnen und Schülern – einschliesslich Charlotte Selver – fortgeführt wurde. Nicht zuletzt soll die Stiftung auch die Nachfolge dokumentieren.

Mit der Zeit wurden einige von Charlottes Schülerinnen und Schüler dazu autorisiert, die Arbeit weiterzugeben, und 1988 wurde die ‘Sensory Awareness Leaders Guild’ (SALG) gegründet. Zu dieser Zeit offerierte Charlotte eine Reihe von ‘Leaders Workshops’, in denen diejenigen, die selber Kurse gaben, Gelegenheit hatten, tiefer in die Arbeit einzudringen und auch Arbeitsgemeinschaften zu leiten. Da hatten wir Gelegenheit, einen anderen Aspekt von Charlotte kennenzulernen: sie wurde zur Schülerin, gab sich völlig einem angebotenen Versuch hin und teilte uns dann ihre Erfahrungen mit – und diese überraschten uns oft.

Sie hatte uns oft davor gewarnt, in unseren Köpfen Reporte zu fabrizieren, während wir etwas versuchten. Wir sollten ganz für das Geschehen im Moment dasein. Doch eines Tages, als sie als Schülerin teilnahm, berichtete sie mit einem Schmunzeln, dass sie während des ganzen Versuches sich selbst mit grossem Genuss darüber berichtet hatte.

Sie sagt oft, dass wir ihr nicht glauben sollen, sondern für uns selbst herausfinden. Es ist ratsam ihr dies zu glauben. Charlotte ist eine große Jongleurin. Wenn wir zu schnell sind für unsere momentane Verfassung, mahnt sie uns zur Langsamkeit. Wenn wir alles in Zeitlupe versuchen sagt sie: “Dient nicht dem Gott der Langsamkeit!” Es ist dann an uns aus dieser Zwickmühle herauszufindend und zu erkennen, dass nichts an ‘schnell’ oder ‘langsam’ an sich falsch ist. Die Frage ist, welche Geschwindigkeit in einem bestimmten Moment angebracht ist und was für eine Qualität diese hat. Und plötzlich erkennt man, dass, wenn man völlig in einer Aufgabe aufgeht, sich die angebrachte Geschwindigkeit und Qualität der Bewegung von selbst einstellen.

Im ‘Leaders Workshop’ von 1885 thematisierte Charlotte die Problematik von seinem ‘Körper’ zu sprechen, als ob ‘ich’ und ‘mein Körper’ getrennt existierten. Drei Wochen lang ermahnte sie uns stets davon zu sprechen, was im Organismus als Ganzes geschieht, nicht in seinen Teilen. Dann, am letzten Tag, versprach sich jemand und sagte: “Mein Bein fühlte…”, korrigierte sich jedoch sofort und sagte: “Ich fühlte…”. Charlotte darauf: “Ehret die Teile!” Sie gab uns dadurch Gelegenheit zu realisieren, dass das Ganze aus Teilen besteht und die Teile nur in Beziehung zum Ganzen bestehen – beides ist zu respektieren. Charlotte weist uns auf unsere Knöpfe hin. Wir selbst müssen sie lösen – oder sie durchschneiden – oder sie ignorieren.

Wie Charlotte auf etwas eingeht hängt, immer von der Situation ab, für die sie in der einen oder andern Weise immer präsent ist. Ich habe diese kleine Frau in einem Versuch einem sehr kräftig gebauten Mann gegenüber gesehen. Die beiden stemmten sich – Handfläche an Handfläche – gegeneinander. Charlotte hatte keine Schwierigkeiten, sich diesem Kräftemessen zu stellen, sogar mit nur einem Bein auf dem Boden stehend. Ich habe sie auch völlig von Kräften gesehen – aus Frustration, wenn es ihr unmöglich erschien, sich ihren fortgeschrittenen Schülern verständlich zu machen. Sie sass auf dem Boden und konnte nicht aufstehen. Sie machte uns darauf aufmerksam, wie ihr Gefühl von Ohnmacht sich in physischem Kräfteverlust äusserte. Am nächsten Tag meinte sie: “Mein Verlangen war im Weg”, und führte die Versuche fort. Was auch immer geschieht, sie kommt immer zurück zur Arbeit.

Am 23. September 2000 besuchte ich einen Kurs mit der neunundneunzig-jährigen Charlotte. Sie schien mir klarer und schärfer zu sein denn je. Ich fühlte ihre Präsenz. Doch diese fühle ich eigentlich jeden Tag meines Lebens – im Sehen, im Atmen, in meinem ganzen Sein.

II. Eine kurze Geschichte – von neunundneunzig Jahren

Charlotte Selver Wittgenstein wurde am 4. April 1901 in Ruhrort in Deutschland geboren. Sie erzählt dies von ihrer Kindheit:

“Die Stadt war umgeben von Kohlen-, Eisen- und Stahlwerken, die ein feuriges Licht verbreiteten. Mein Vater war Direktor einer Fabrik. Meine Mutter war Hausfrau. Sie war die Herrin des Hauses und viele Leute kamen, um sich bei ihr Rat zu holen. Mein Vater liebte Musik und wollte, dass seine Töchter musikalisch sind. So kam ein Klavierlehrer zu uns ins Haus zum unterrichten. Klavierspielen und Gedichte lesen waren so ziemlich die einzigen Dinge, die ich gern tat. Ich war dick und bewegte mich nicht gerne. Wenn meine Mutter mich zu Tante Tillis haus schickte, das nur ein paar Häuser weiter war, wollte ich nicht gehen – es war mir zu weit.

Als ich zwölf war, hatte ich eine Freundin, die schön Geige spielen konnte und auch schon öffentlich aufgetreten war. Eines Tages nahm sich mich mit in ein fotografisches Atelier. Es war im Dachgeschoss eines Hauses, sehr hell und geschmackvoll eingerichtet. Die beiden Fotografinnen waren Frauen. Ich entschied, dass ich auch Fotografin werden würde.

Meine Eltern waren schockiert. Das war unter der Würde ihrer Tochter. Also streikte ich in der Schule, beantwortete keine einzige Frage mehr und versagte. Meine Eltern nahmen mich von der Schule und sandten mich zu Verwandten nach Holland, wo ich all die Museen besuchte. Als ich wieder nach Hause und zurück zur Schule kam, gab ich wieder Antwort auf des Lehrers fragen und schloss die Schule ab – immer noch entschieden Fotografin zu werden.”2

Charlottes Mutter jedoch sandte sie in ein Mädchenpensionat, wo sie kochen und haushalten lernen sollte. Die Schulleiterin aber, als sie Charlotte eines Tages neben dem anbrennenden Essen beim Gedichte lesen vorfand, meinte: “Du bist hierher gekommen um haushalten und kochen zu lernen. Willst du das nicht?” Charlotte sagte nein und wurde bald darauf nach hause geschickt. Sie erzählt: “Nun endlich liess mich Vater nach Berlin gehen um Fotografie zu studieren (im Sommer 1920). Da gab es etwas, das ich besonders liebte: wir gingen auf die Strasse und wenn wir ein interessantes Gesicht sahen, fragten wir die Person, ob sie sich von uns fotografieren lassen würde. Doch die Aussicht, nach abgeschlossener Ausbildung in einem Atelier zu arbeiten und aufgeputzte Kinder und Erwachsene fotografieren zu müssen, behagte mir gar nicht. Ich war einfach so bezaubert gewesen von den beiden Fotografinnen und ihrem lichten, schönen Atelier im Dachgeschoss.”2

Während des zweiten Jahres der Ausbildung in München hatte Charlotte auch mit dem Unterricht bei Dr. Rudolph Bode begonnen und entschloss sich bald dazu Gymnastiklehrerin zu werden. Davon schreibt sie: “Immer wieder [musste ich] zu hören bekommen: ‘Es gibt so viele interessante Berufe in der Welt. Warum, um Gottes Willen, wählen sie diesen? Sie sind völlig unbegabt für diese Arbeit!’ Ich [biss auf die Zähne und sagte zu mir]: Wenn ich das nicht bewältige, werde ich auch für nichts anders gut sein..’ Ich [bewältigte es], aber mit wieviel Schmerz und Demütigung! Und hatte ich es wirklich geschafft? War ich jetzt freier?”3

Charlotte muss Heinrich Jacoby und bald darauf auch Elsa Gindler im Jahre 1923 kennengelernt haben, als sie noch bei Bode in Ausbildung war. Von ihnen hörte sie: “So etwas wie unbegabte Menschen gibt es nicht. Sie mögen behindert sein, doch diese Behinderungen können sich nach und nach auflösen. “Charlotte: “Als ich zum ersten Mal das Studio meiner Lehrerin, Elsa Gindler, betrat …. wurde mir sofort klar … dass alles, was ich bis dahin gelernt hatte, umsonst gewesen war …. und dass ich ganz von neuem anfangen musste.”3 Und das tat sie. Charlotte studierte mit Gindler während ihrer sehr aktiven Zeit als Bode-Gymnastiklehrerin und bis zu ihrer Flucht vor Hitler nach den USA im Oktober 1938.

Die Biographie im Bulletin der ‘New School for Social Research’ in New York gab anlässlich ihres ersten Kurse (1950) eine Zusammenfassung ihres bisherigen Berufsleben wieder:

“Charlotte Selver: Ausbildung an der Bode-Schule für Ausdrucksgymnastik, Fortbildung mit Mary Wigman und Elsa Gindler. Lehrerin der Gindler-Methode für Körper-Umerziehung. Lehrte acht Jahre an der Universität von Leipzig und am Institut für Erwachsenenbildung. Unterrichtete Athletik-Studenten und Behinderte. Gab Hochschulkurse für angehende Lehrer und Spezialkurse zur Vorbereitung von natürlichen Geburten. Verbindungen zum Bauhaus in Weimar, zum Konservatorium für Musik und zur Kunsthochschule in Leipzig, um Studierenden zu einem freieren Gebrauch ihres Organismus in ihrem jeweiligen Fach verhelfen. Spitalerfahrung mit Funktionsstörungen, sowie mit Orthopädie und Post-Operativen Fällen in Leipzig, Berlin und New York.” (Nachdem Charlotte nach New York gekommen war arbeitete sie für eine Weile als Freiwillige im Notfall und im Ambulatorium des Spitals für Gelenkleiden.)

***

In den ersten Tagen nach ihrer Ankunft in New York lebte Charlotte mit der Schwester ihres früheren Mannes, Heinrich Selver, bis sie durch den Flüchtlingsdienst eine Stelle als Gesellschafterin und Masseurin bei einer alten Frau vermittelt bekam. Eine ihrer Töchter litt unter Skoliose. Charlotte arbeitete mit ihr und konnte ihr helfen. Sie war Schriftstellerin und half Charlotte später, die erste Ausschreibung in englisch zu formulieren4.

Es war nicht einfach, eine eigene Praxis aufzubauen. Charlotte mietete ein Studio für einige Stunden pro Woche und versandte Einladungen für Vorträge über ihre Arbeit. Vier Leute kamen zu ihrem ersten Vortrag. Zwei davon kannte sie nicht, die beiden andern waren ihre Mutter und deren Freundin, die beide kein englisch verstanden, jedoch dauernd zustimmend nickten. (Ihre Eltern waren seither auch nach Amerika gekommen.) Sie suchte viele Leute auf, darunter auch Ärzte. Einer sagte zu ihr: “Mit ihrer ruhigen und zeitintensiven Arbeit werden sie hier keinen Erfolg haben. Hier wollen die Leute sofort geheilt werden.” Doch am nächsten Tag rief sie ein Mann an und sagte: “Ich war im Wartezimmer als sie mit Dr. So-und-So sprachen und mochte ihre Stimme. Kann ich bei ihnen eine Privatstunde nehmen?” Charlotte dazu: “Ich hatte unheimlich viel Glück!”

Es stimmt wohl, dass solche Gelegenheiten Zufall sind, doch die Frage ist: Kann man Gelegenheiten wahrnehmen und dranbleiben? Charlotte blieb am Ball, auf vielerlei Weisen. Im Juli 1944, zum Beispiel, machte eine Schülerin sie mit ihrem Verlobten bekannt. Es war der Psychoanalytiker und Schriftsteller Erich Fromm. Er hatte grosses Interesse an ihrer Arbeit und nahm wöchentlich Privatstunden mit ihr so lange er in New York lebte. Durch Fromm fand Charlotte viele Schülerinnen und Schüler.

Als Fritz Perls von Südafrika nach New York kam, besuchte er Fromm. Als dieser hörte, dass Perls an den physischen Manifestationen von psychologischen Störungen interessiert war, sagte er zu ihm: “Sie sollten Charlotte Selver kennenlernen.” Perls kam zu einem Kurs und nahm dann Privatstunden während der Zeit, in der er in New York lebte. Viel von dem, was er dabei lernte, integrierte er in seine damals im entstehen begriffenen Gestalt -therapie.

Fromm war Mitbegründer des ‘William Alanson White Institute’ für Psychoanalyse. Er machte viele Mitglieder des Instituts auf Charlotte aufmerksam, darunter auch dessen Präsidentin Clara Thompson. Sie kam zu Kursen, gefolgt von führenden Psychoanalytikern dieser Schule: Ernst Schachtel, Rose Spiegel und Edward Tauber, Vorsitzender der Fakultät am Institut. Dr. Tauber drehte einen Film von Charlottes Arbeit und präsentierte diesen, zusammen mit einem Vortrag, der ‘Society on the Theory of Personality’. Charlotte zeigte den Film auch, unter anderem anlässlich eines Vortrages für die ‘Harry Stack Sullivan Society’.

1950 begann Charlotte, ihre integrative somatische Arbeit an der intellektuell orientierten ‘New School for Social Research’ anzubieten. In den sechziger und siebziger Jahren war sie da so erfolgreich, dass sie deren grössten Saal füllte und die Gruppen oft aufgeteilt werden mussten.

Im Sommer 1957 wurde sie vom Departement für Psychoanalyse der Universität von Mexico nach Cuernavaca in Mexico eingeladen, um an der Daisetz Suzuki-Erich Fromm-Konferenz über Zen Buddhismus und Psychoanalyse teilzunehmen. 1959 ging sie zum zweiten Mal nach Mexico, um einen 10-tägigen Kurs in ‘Sensory Awareness, Non-verbal Experience and Communication’ für Studenten und Mitarbeiter des Departements für medizinische Psychologie und Psychiatrie zu geben. Dies war der Anfang ihrer Verbindung zu Mexico, wo sie noch heute jeden Winter unterrichtet.

Im selben Jahr wurde ein ‘Komitee zur Förderung von Charlotte Selvers Arbeit’ gegründet. Nebst vielen Psychologen, Psychiatern und Psychoanalytikern war auch Charlotte Schuchardt Read, die Assistentin von Alfred Korzybski und spätere Präsidentin des ‘Institute of General Semantics’, Unterstützerin dieses Komitees. Sie hatte erkannt, dass Charlotte Selvers Arbeit den Zugang zu Korzybskis ‘silent level’ (etwa ‘Wortloser Ebene’), dieser entscheidenden Basis für die vielen Ebenen intellektueller Abstraktion, erleichtern kann. Dann war da John Collier, der Anthropologe und ‘US Comissioner of Indian Affairs’. Er hatte Jahre zuvor (Juli 1948) für Charlotte einen Besuch bei den Hopi Indianern der ‘Second Mesa’ in Arizona arrangiert. Er hatte damals gesagt: “Charlotte, du musst deine Verwandten kennenlernen!”

Andere Gönnerinnen und Gönner des Komitees waren: Frances Flaherty (die Frau des Filmemachers Robert Flaherty), Professor Kurt Goldstein (Neurologe, Psychiater und Autor des Buches The Organism), Erick Hawkins (Tänzer und Choreograph), sowie Alan Watts, Schriftsteller und damaliger Dekan der ‘American Academy of Asian Studies’.

Die Verbindung mit Alan Watts war schicksalshaft. Charlotte erinnert sich:

“Meine Tante in San Francisco schrieb mir: ‘Gestern abend hörte ich einen Mann von dem sprechen, was du tust.’ Sie sandte mir Alan Watts erstes Büchlein The Spirit of Zen Ich hatte noch nie von Zen gehört, war erstaunt und fasziniert und beschloss, den Autor zu besuchen.”

Ihre erste Begegnung fand dann im August 1953 statt. Dies war der Beginn ihrer Verbindung mit Zen-Buddhismus, sowie der jahrelangen gemeinsamen Kurstätigkeit mit Watts, zuerst in New York und später auch auf Watts Hausboot in Sausalito bei San Francisco. Die Seminare hatten solch klingende Namen wie: ‘Moving Stillness’, ‘The Unity of Opposites’, ‘Our Instantaneous Life’, ‘The Mystery of Perception’, ‘The Tao in Rest and Motion’ (Watts betonte oft, dass Charlotte eine westliche Form des Taoismus lehre).

Einer ihrer Kurse in Kalifornien wurde von Michael Murphy und Richard Price besucht, die zwei Jahre später, 1963, das ‘Esalen Institute’ gründeten. Charlotte war die erste, die dort nicht-verbale Selbsterfahrungskurse anbot. Später konnte man in der Instituts-Broschüre lesen: “Charlotte Selvers Pionierarbeit in den USA bildet die wichtigste Grundlage der Arbeit im Bereich von Sensory Awareness, Sensory Awakening und verwandten Arbeitsweisen, die weite Anerkennung gewonnen haben.”

1971 wurde die Charlotte Selver Foundation (CSF, jetzt Sensory Awareness Foundation, SAF) gegründet, um, wie es in ihren Statuten heisst, “die Arbeit in Sensory Awareness nach Charlotte Selver zu unterstützen.” 1974 besuchten mehr als 200 Leute einen Kurs an der ‘New York University’ unter der Patronat der Universität und der CSF. Dieser Kurs, den Charlotte zusammen mit ihrem Mann und Kollegen Charles Brooks, sowie achtzehn weiteren KollegInnen anbot, diente zur “Bekanntmachung mit Zugängen zu ‘Sensory Awareness’, die demonstrieren, wie die Arbeit im Alltag und im Berufsleben integriert werden kann.

Zusammen mit Moshe Feldenkrais, Alexander Lowen, Ida Rof, Barbara Brown, Ashley Montagu, Karl Pribram, Carl Rogers und Margaret Mead nahmen Charlotte Selver und Charles Brooks 1979 an einer Tagung unter dem Titel ‘Explorers of Humankind’ teil, um die ‘Natur des Menschen’ zu erörtern.

1986 wurde Charlotte Selver als eine der PionierInnen der Humanistischen Psychologie von der Universität von Kalifornien in Santa Barbara angefragt, ob ihr Nachlass dereinst in deren Archiv für Humanistische Psychologie aufgenommen werden könne. Die Übergabe dieser Materialien (Korrespondenz, Manuskripte, Ton- und Bildaufnahmen etc.) hat kürzlich begonnen.

1995 wurde Charlotte der Titel des ‘Doctor of Humane Letters, honoris causa’ vom ‘California Institute of Integral Studies’ verliehen. Im Jahr 2000 wurde das ‘Charlotte Selver Stipendium’ am ‘Santa Barbara Graduate Institute’ eingerichtet. An diesem Institut kann man zum ersten Mal ein Doktorat in Somatischer Psychologie, sowie den Magister und ein Doktorat in prä- und perinataler Psychologie machen. Das Grundlagestudium für dieses dreijährige Programm bildet Sensory Awareness.

***

Doch all dies sind Daten, Namen von Leuten und Veranstaltungen. Das Herz von Charlottes Arbeit jedoch bilden die fortlaufenden Kurse und Workshops, die zu diesen Veranstaltungen führten. Die Möglichkeit, sein Verhalten am eigenen Leib zu erfahren, die ‘körperliche’ Empfindung einer ‘geistigen’ Haltung zu erleben, war neu, und Charlottes Forschung in dieser Gewahrseins-Arbeit war offensichtlich für viele Menschen lohnend. Hatte Charlotte in den USA anfangs noch eine Unterrichtsstunde pro Woche unterrichtet, waren es im Jahre 1949 schon fünf, und die Kosten waren von $6 pro Monat auf $3 pro Stunde gestiegen. 1953 gab sie zwölf Stunden pro Woche. Im Prospekt heisst es: “Morgens, nachmittags, abends” und “Zusätzliche Stunden auf Anfrage. Bitte Anfragen.” Sie gab auch Vorträge, Privatunterricht und spezielle Kurse zu Themen wie: ‘Atmen’, ‘Verspannungen Lösen’, ‘Bewegung’, ‘Augen und Hals’. Schwangerschaftskurse wurden auch angeboten. Eine Frau berichtete, wie sie diese besuchte und drei Kinder ohne Schmerzen gebar.

Die Kurse kamen vor allem durch Mund-zu-Mund-Propaganda zustande. Charles Brooks (der das erste Buch über Charlottes Arbeit schrieb5) erzählt, wie er 1958 zu der Arbeit gekommen ist:

“Ich hörte durch einen Freund von Charlotte. Zuerst zögerte ich dahin zu gehen, denn er konnte mir nicht recht beschreiben was, es war.” Ich dachte, dass diese Dinge nicht wirklich für Männer sind. Doch mein Freund war ein ‘Lieutenand Commander’ in der ‘Battle of the Bulge’ im zweiten Weltkrieg gewesen. So dachte ich, ‘wenn er dies akzeptieren und geniessen kann, dann werde ich es auch schaffen.’ Mein Freund sagte mir, dass die Faust, die er für so lange Zeit in seiner Magengrube gefühlt hatte, im Laufe des Kurses ganz einfach verschwunden war. Ich dachte: ‘Ich habe auch eine Faust in der Magengrube. Es wäre toll, wenn sie verschwinden würde.’ Und so ging ich hin und schrieb mich ein.

Ich war von Charlottes Persönlichkeit, ihrer Art zu sprechen und von der Atmosphäre im Unterricht sehr beeindruckt. Ihre Fragen waren vernünftig. Zum Beispiel: ‘Fühlen sie worauf sie stehen?’ Und sie wollte offensichtlich keine Antwort darauf. Das faszinierte mich. Ich wurde sofort zu ihrem Schüler und bin es bis heute geblieben.”6

Charlotte und Charles heirateten im August 1963. In diesem Jahr begannen sie auch zusammen zu unterrichten. Als ich sie kennenlernte, unterrichteten sie abwechselnd in den gemeinsamen Workshops. Doch arbeiteten sie auch auf andere Weise zusammen: Charlotte ist schon seit sehr langem schwerhörig. Als ich sie kennenlernte trug sie ein Kästchen an ihrem Kleid, das ihr in Konversationen hilfreich war, doch selbst mit diesem Gerät konnte sie die Leute im Unterricht nicht mehr verstehen. So sass Charles neben ihr wenn die Schüler sprachen, um für sie die Reporte zu wiederholen. Später benutzte sie ein sensibles Hörgerät und ein Mikrofon, in das die Schülerinnen und Schüler sprechen konnten. Seither sind die Anforderungen, die der Gebrauch des Mikrofons stellt, Teil des Lernprozesses der Kursteilnehmer.

Nachdem Charlotte und Charles sich zusammengetan hatten etablierte sich eine jährlich wiederkehrende Folge von Seminaren: Frühling in Kalifornien, Sommer auf Monhegan Island in Maine, Herbst in New York und Winter in Mexico. Später kamen Sommerkurse in Europa dazu, in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Charles erzählt von ihren ersten gemeinsamen Kursen 1963 in Kalifornien:

“Wir verbrachten neun Monate im Dachgeschoss eines Hauses in San Francisco. Jeden Dienstag schoben wir die Matratze unter das Dachgesims und packten alle unsere Dinge weg, so dass die Vermieterin, eine bemerkenswerte Frau von etwa 85 Jahren, ihre Tanzstunden geben konnte. Dann fuhr ich mit Charlotte zu einem Ort 20 Meilen südlich von San Francisco, wo sie eine Stunde gab. Dann brachte ich sie zum Zwei-Uhr Flugzeug nach Los Angeles. Ich selbst fuhr mit dem Wagen dahin und wir trafen uns spätabends in Hollywood wieder, nachdem sie dort ihren Unterricht gegeben hatte. Sie unterrichtete auch mittwochs und freitags in einem Studio bei Sunset Way. Danach fuhren wir wieder zurück nach San Francisco, wo sie weiter Stunden gab. Am Dienstag fing es dann wider von vorne an.”

Charlotte musste zu dieser Zeit ihr Studio in New York aufgeben, und als sie 1964 zurück nach New York kamen, mieteten sie einen Raum, der auch einem Partnervermittlungsdienst als Begegnungsort diente. Charles erzählt weiter:

“Wir unterrichteten dort von Montag bis Donnerstag. Am Freitag morgen packten wir unsere Sachen weg, genau wie in San Francisco, und hängten die erotischen Bilder wieder auf, die wir versteckt hatten. Wir kamen dann am Sonntag nachmittag wieder zurück, öffneten alle Fenster, um den Rauch hinauszulassen und nahmen die Bilder wieder von den Wänden. Am nächsten Tag begann dann der Unterricht von Neuem. Das ging so, bis wir das Studio an der 73. Strasse fanden, das dann unser Heim war bis ich unser Haus in Kalifornien baute, nicht weit von San Francisco Zen Centers ‘Green Gulch Farm’.”

Die langjährige freundschaftliche Verbindung mit ‘San Francisco Zen Center’ kam durch Richard Baker zustande, nachdem dieser durch einen der Workshops, die Charlotte zusammen mit Alan Watts gab auf Charlotte aufmerksam geworden war. Durch ihn lernte Charlotte Shunryu Suzuki und seine Schülerinnen und Schüler kennen, die zusammen in einer alten Synagoge an der Bush Street praktizierten. Suzuki Roshi wollte ein Kloster auf dem Land einrichten, und so sammelte Richard Baker Geld für ein Grundstück nahe des Carmel Valley, wo ‘Tassajara Zen Mountain Retreat’ entstehen sollte. Er organisierte das sogenannte ‘Zenefit’, an dem Charlotte und Charles zusammen mit Suzuki Roshi teilnahmen.

Nachdem Tassajara seine Tore geöffnet hatte, gaben Charlotte und Charles dort jedes Jahr Kurse zugunsten von Zen Center. Zusammen mit ihren Schülerinnen und Schülern ermöglichten sie auch den Bau des schönen ‘Wheelright Center’ der Green Gulch Farm. Es finden dort jedes Frühjahr und jeden Herbst Kurse statt, und die Teilnehmer haben Gelegenheit, am Zazen teilzunehmen, sowie auf der Farm zu arbeiten. Umgekehrt nehmen auch oft Zen-Schülerinnen und Schüler an den Sensory Awareness-Kursen teil. Es finden dort auch längere sogenannte ‘Study Groups’ statt, in denen die Schülerinnen und Schüler am Leben der Farm teilnehmen.

Die erste Study Group fand in den Jahren 1972-73 statt und dauerte neuen Monate. Während des Winters wurde in Mexico gearbeitet, im Frühjahr auf der Green Gulch Farm in Kalifornien und im Sommer dann auf Monhegan Island in Maine. Ausser während der Reise zwischen diesen Orten wurde fast jeden Tag gearbeitet, auch als Charlotte nach einem schweren Autounfall mit einer gebrochenen Hüfte auf Monhegan ankam und auf einer Bahre zum Unterricht getragen werden musste.

Spätere Study Groups waren kürzer, doch finden sie immer noch jährlich statt und ermöglichen damit Teilnehmern aus aller Welt ein vertieftes Studium. Die meisten Schülerinnen und Schüler, denen Charlotte über die Jahre Lehrerlaubnis gegeben hat, haben solche ‘Study Groups’ besucht.7

Seitdem Charles Brooks im Sommer 1991 gestorben ist, hat oft eine andere Schülerin oder ein Schüler von Charlotte in der Study Group assistiert.

1985 wurde die ‘Sensory Awareness Leaders Guild’ (SALG) gegründet und heute wird Sensory Awareness von deren Mitgliedern nicht nur in den USA, Kanada, Mexico und Westeuropa angeboten, sondern auch in Russland, Japan und Indien.

Es scheint, dass im Weitergeben dieser Arbeit, die ‘Lehrerin’ ebensoviel oder mehr über die Möglichkeiten der Veränderung und Erneuerung lernt wie die Schülerinnen und Schüler, sei es für sich oder in Beziehung zu andern. Charlotte ist ein gutes Beispiel dafür, wird sie doch am 4. April 2001 ihren hundertsten Geburtstag feiern. Natürlich hat sie treue Schüler, die ihr in mancher Weise helfen, so wie Peter Gracey, den sie, nachdem er schon einige Jahre für sie gesorgt hatte, im Dezember 1999 heiratete. Doch trotz all dieser Hilfe ist es erstaunlich, wieviel Charlotte immer noch arbeitet. So plant sie im Frühjahr 2001 eine weitere Study Group anzubieten. Danach geht es in gewohnter Weise weiter: Europa, Monhegan Island, New York City, Kalifornien, Mexico. Sensory Awareness ist ihr Leben, und sie erfreut sich weiterhin daran diese Arbeit anzubieten, trotz Altersgebrechen, Schwerhörigkeit und immer schwächer werdenden Augen. Sie scheint auch so zu fühlen, was in ihren Schülerinnen und Schülern geschieht und schlägt Versuche vor, die ihnen zu wichtigen Entdeckungen verhelfen.

Eine Frau, die schon seit bald vierzig Jahren mit Charlotte studiert, sagte von einem kürzlich besuchten Workshop: “Ich glaube, es war der beste, den ich je mit ihr erlebt habe!” Sie wird dies vermutlich auch vom nächsten Kurs sagen.

Featured image by Robert Smith

Ausgewähltes Bild von Robert Smith

Leave a Reply